Ein Mensch hat wochenlang kaum etwas gegessen. Endlich nimmt er wieder Nahrung an und genau jetzt wird es gefährlich. Das Refeeding-Syndrom, in der Fachsprache kurz RFS, entsteht nicht durch zu wenig Nahrung, sondern durch zu viel Nahrung zu schnell. Es gehört zu den am häufigsten übersehenen Komplikationen im Pflegealltag.
Für Pflegekräfte und Angehörige ist das eine unangenehme Wahrheit. Wer einen stark abgemagerten Patienten betreut, will ihn aufpäppeln. Der Impuls, jetzt endlich eine volle Flasche hochkalorische Trinknahrung anzubieten, ist nachvollziehbar, kann in den ersten Tagen aber ein Refeeding-Syndrom auslösen. Dieser Beitrag zeigt, wie Pflegekräfte und Angehörige das Risiko erkennen, sicher aufbauen und rechtzeitig reagieren.
Was ist das Refeeding-Syndrom?
Das Refeeding-Syndrom ist eine Stoffwechselentgleisung bei der Wiederaufnahme der Ernährung nach längerer Nahrungskarenz. Entscheidend ist nicht, was gegeben wird, sondern wie schnell und wie viel. Betroffen sind vor allem die Elektrolyte Phosphat, Kalium und Magnesium sowie Vitamin B1. Ein RFS kann bei jeder Form der Nahrungsaufnahme auftreten, oral ebenso wie über eine Sonde. In der Ernährungsmedizin wird das RFS unabhängig vom Zugangsweg betrachtet. Unbehandelt drohen Herzrhythmusstörungen, Herz-Kreislauf-Versagen und Organdysfunktionen. In der Ernährungsmedizin gilt die Wiederernährung deshalb als eigener Risikomoment und nicht als harmloser Übergang. Die Ursachen liegen in der Geschwindigkeit der Nährstoffzufuhr.
Das Tückische am Refeeding-Syndrom: Die Blutwerte sehen vor Beginn der Ernährung oft unauffällig aus. Bei länger bestehender Mangelernährung sind die Speicher im Gewebe längst geleert, ohne dass ein Labor das zeigt. Ein normales Labor am Tag null ist keine Entwarnung. Erst die Wiederaufnahme der Ernährung macht die Verschiebung sichtbar.
Was bei der Wiederernährung im Körper passiert
In der Hungerphase stellt der Stoffwechsel um: weniger Insulin, Energie aus Fett und Eiweiß. Mineralstoffe wandern aus den Zellen ins Blut, die Gewebespeicher leeren sich, der Blutwert bleibt lange normal.
Kommen Kohlenhydrate zurück, steigt das Insulin schlagartig. Es schleust nicht nur Zucker in die Zellen, sondern zieht Phosphat, Kalium und Magnesium mit hinein. Im Blut kommt es innerhalb von Stunden bis Tagen zu einem steilen Abfall. Das ist die Pathophysiologie in einem Satz: Die Nährstoffzufuhr selbst löst die Entgleisung aus.
Phosphat, Kalium, Magnesium und Vitamin B1
Phosphat ist der Baustein des Energieträgers ATP. Ohne Phosphat können Herzmuskel, Atemmuskulatur und Nervenzellen nicht arbeiten, diese Hypophosphatämie ist deshalb das Leitsymptom des Refeeding-Syndroms. Eine Phosphat-Supplementierung gehört zur Behandlung.
Eine Hypokaliämie bedroht den Herzrhythmus, eine Hypomagnesiämie blockiert zahlreiche Enzyme und verhindert zugleich, dass sich ein Kaliummangel überhaupt ausgleichen lässt. Vitamin B1 wird vom wieder anlaufenden Kohlenhydratstoffwechsel rasch verbraucht, bei leerem Speicher drohen Verwirrtheit und Gangunsicherheit.
Wer als Risikopatient gilt
Nicht jeder Patient mit Untergewicht ist gefährdet. Ein kurzes Screening der Vorgeschichte vor dem Kostaufbau klärt das in wenigen Minuten und gehört in jede Aufnahme. Die Risikofaktoren sind bekannt.
Deutlich erhöhtes Risiko
Ein hohes Risiko für ein Refeeding-Syndrom besteht, wenn Patientinnen und Patienten fünf Tage oder länger praktisch nichts gegessen haben, bei einem BMI unter 16, bei ungewolltem Gewichtsverlust von mehr als zehn Prozent in wenigen Monaten und bei bereits niedrigen Elektrolytwerten.
Weitere Risikofaktoren sind langjährige Alkoholabhängigkeit, eine Anorexia nervosa sowie Dauermedikamente, die den Mineralstoffhaushalt verschieben, etwa entwässernde Mittel oder Magensäureblocker. Alkohol beeinträchtigt zusätzlich die Aufnahme von Vitamin B1 und Magnesium. Hinzu kommen konsumierende Erkrankungen und Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, die die Nahrungsaufnahme über Wochen einschränken. Je länger die Mangelernährung bestand, desto vorsichtiger muss der Aufbau erfolgen.
Situationen aus dem Pflegealltag
Das Refeeding-Syndrom tritt nicht nur in der Klinik auf. Gerade nach der Entlassung aus der Klinik wird es kritisch, wenn die Pflegekräfte nicht über das RFS-Risiko der Patienten informiert werden.
Ein Bewohner kommt nach einem Klinikaufenthalt zurück, bei dem er tagelang nüchtern bleiben musste. Eine Frau mit Demenz hat über Wochen immer weniger gegessen. Nach einer Chemotherapie hat jemand seit zehn Tagen kaum Appetit. Jemand mit Schluckbeschwerden isst aus Angst vor dem Verschlucken immer weniger.
Das Tempo entscheidet nun, ob der Aufbau hilft oder schadet.
Auch ein normales oder erhöhtes Körpergewicht schützt übrigens nicht. Entscheidend ist die Dauer der fehlenden Nahrungsaufnahme, nicht die Figur.

Symptome und Warnzeichen erkennen
Die kritischste Phase sind die ersten 72 Stunden nach Beginn der Zufuhr. Die Symptome eines Refeeding-Syndroms treten meist in den ersten zwei bis fünf Tagen auf, manchmal schon nach Stunden. Die Symptomatik ist unspezifisch und wird leicht der Grunderkrankung zugeschrieben. Genau deshalb bleiben viele Komplikationen eines RFS zunächst unerkannt.
Woran Sie es im Alltag bemerken
- Wassereinlagerungen an Knöcheln, Unterschenkeln und im Gesicht, oft mit rascher Gewichtszunahme über ein Kilogramm pro Tag
- Herzrasen oder unregelmäßiger Puls, auch in Ruhe
- Atemnot oder flache, schnelle Atmung
- Verwirrtheit und Benommenheit, bei Demenz leicht als Verschlechterung fehlgedeutet
- Muskelschwäche, wie zum Beispiel Schwierigkeiten beim Aufstehen
- Kribbeln oder Taubheitsgefühl in Händen und Füßen
- Übelkeit, Erbrechen, Durchfall kurz nach Beginn der Ernährung
Wann sofort ärztliche Hilfe nötig ist
Rufen Sie unverzüglich den Arzt oder den Rettungsdienst bei Atemnot, Herzrasen, ausgeprägter Verwirrtheit, Krampfanfällen oder plötzlicher starker Schwäche. Das sind keine Anpassungsbeschwerden, sondern Symptome beginnender Organdysfunktionen und damit die gefährlichsten Komplikationen eines RFS.
Refeeding-Syndrom vermeiden: der sichere Kostaufbau
Ein Refeeding-Syndrom ist weitgehend vermeidbar. Der Kostaufbau bei einem Risikopatienten gehört allerdings in ärztliche Hand, idealerweise begleitet von einem Team aus Pflege, Arzt und Ernährungstherapie. Die folgenden Punkte beschreiben den üblichen Ablauf, ersetzen aber weder die ärztliche Einschätzung noch die Laborkontrolle.
Vitamin B1 vor der ersten Kalorie
Bei Risikopatienten wird Vitamin B1 gegeben, bevor die Ernährung beginnt, und in den ersten Tagen fortgeführt. Sobald der Kohlenhydratstoffwechsel anspringt, steigt der Bedarf stark an. Üblich sind 200 bis 300 mg Thiamin täglich. Die Speicher sind nach etwa drei Wochen ohne Zufuhr erschöpft, und ein akuter Thiaminmangel kann ein Wernicke-Korsakow-Syndrom sowie bleibende neurologische Defekte auslösen.
Langsame Energiezufuhr statt voller Dosis
Als Orientierung gelten bei mittlerem Risiko etwa 15 bis 20 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, bei hohem Risiko 5 bis 10 Kilokalorien. Gesteigert wird über mehrere Tage, die Elektrolyte werden in den ersten drei Tagen täglich kontrolliert. Das sind Richtwerte, keine Verordnung: Die genaue Energiezufuhr legt der behandelnde Arzt im Rahmen der Ernährungstherapie fest.
Fallen die Elektrolyte ab, werden sie ärztlich ersetzt, und zwar parallel zum weiterlaufenden Aufbau. Eine Hypokaliämie und eine Hypomagnesiämie werden dabei gemeinsam korrigiert, weil sich Kaliumwerte bei niedrigem Magnesiumspiegel sonst gar nicht anheben lassen. Ein Abbruch der Ernährungstherapie ist selten nötig.

Trinknahrung über den Tag verteilen
Hier liegt der häufigste Fehler. Eine Flasche enthält je nach Sorte 300 bis 400 Kilokalorien. Komplett getrunken ist das für einen ausgezehrten Patienten eine erhebliche Belastung. Besser sind kleine Portionen über den Tag, gut gekühlt und langsam getrunken. Cremige Varianten lassen sich löffelweise anbieten. Welche Sorte zu welchem Bedarf passt, haben wir für Fresubin und Fortimel zusammengestellt.
Dasselbe Prinzip gilt für die Ernährung über eine Sonde: niedrige Laufrate, langsame Steigerung, kontinuierliche Gabe statt Bolus. Eine parenterale Ernährung kommt nur in Ausnahmefällen infrage.
Monitoring und Dokumentation in der Pflege
Die Laborkontrolle übernimmt der Arzt, die tägliche Beobachtung übernehmen die Pflegekräfte bzw. Angehörigen. In den ersten sieben Tagen sollten Gewicht, Trinkmenge, Ausscheidung und die tatsächlich aufgenommene Menge an Nahrung notiert werden.
Ebenfalls überwacht werden müssen Symptome wie geschwollene Knöchel, außerdem Atmung, Puls und Wachheit. Eine rasche Gewichtszunahme in dieser Phase ist fast immer eingelagertes Wasser, deshalb gehört auch die Flüssigkeitszufuhr in die Dokumentation. Die Informationen müssen bei jeder Übergabe weitergegeben werden, damit das gesamte Team den Stand des Kostaufbaus kennt. Gerade im Wochenenddienst ist eine erhöhte Menge in bester Absicht schnell gegeben. Pflegekräfte sollten daher auch den Angehörigen in einer kurzen Beratung erklärten, warum jetzt bewusst wenig gegeben wird.
Nach der kritischen Phase
Ist die Risikophase von ein bis zwei Wochen überstanden und sind die Elektrolyte stabil, beginnt die eigentliche Arbeit gegen die Mangelernährung. Jetzt ist eine energie- und eiweißreiche Versorgung erwünscht: angereicherte normale Kost, Trinknahrung als Zwischenmahlzeit mit ein bis zwei Stunden Abstand zur Mahlzeit, dazu Eiweiß- und Energiepulver zum Einrühren.
Der Unterschied liegt nicht im Produkt, sondern im Zeitpunkt. Was in den ersten Tagen gefährlich wäre, ist zwei Wochen später genau das Richtige.
Häufige Fragen zum Refeeding-Syndrom
Wie schnell tritt ein Refeeding-Syndrom auf? Meist in den ersten zwei bis fünf Tagen nach Beginn der Nährstoffzufuhr. Erste Verschiebungen der Elektrolyte sind oft schon nach Stunden messbar.
Wie lange dauert die kritische Phase? In der Regel ein bis zwei Wochen, bei einer Anorexia nervosa länger. Die Behandlung richtet sich nach den Laborwerten, Patienten und Patientinnen mit einer Essstörung werden besonders engmaschig begleitet.
Kann ein Refeeding-Syndrom auch zu Hause auftreten? Ja. Das Risiko entsteht durch die Vorgeschichte. In der häuslichen Versorgung fällt es ohne regelmäßige Blutkontrolle oft später auf.
Ist Trinknahrung bei starker Auszehrung gefährlich? Nicht das Produkt, sondern die Menge macht den Unterschied. Bilanzierte Trinknahrung ist für die Mangelernährung gemacht und wird Risikopatienten langsam aufbauend gegeben.
Das Wichtigste in Kürze
Nach langer Mangelernährung ist der Beginn der Ernährung die kritische Phase, nicht das Hungern davor. Wer das Risiko vorher einschätzt, Vitamin B1 vor der ersten Kalorie gibt, langsam startet und die ersten sieben Tage aufmerksam beobachtet, verhindert ein Refeeding-Syndrom und seine Komplikationen in den allermeisten Fällen.
Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf ein Refeeding-Risiko sprechen Sie bitte den behandelnden Arzt an, bevor mit dem Kostaufbau begonnen wird.
